EDITORIAL #01 ZEICHNUNG
Der Mensch, aus der Einheit der Welt verstoßen, fertigt Bilder, um eine Brücke dorthin zurück zu schlagen. Die Bilder zeigen nicht wie die Welt ist, sondern wie wir sie uns vorstellen. Von einem magischen Standpunkt aus glaubten die Menschen an die Beeinflußbarkeit der Welt durch Bilder, etwa wenn die in den berühmten Höhlenzeichnungen von Lascaux dargestellten Tiere ein gutes Jagdergebnis bewirken sollten. Bis heute wird die Zeichnung mit Magie assoziiert, mit der Vorstellung im Bild die Welt selbst darzustellen. Die Unmittelbarkeit mit der die Zeichnung unseren Gedanken, Vorstellungen, Erfahrungen, auch unbewusst (It‘s Automatic – André Massons »Dessins automatique«, S. 32) Ausdruck verleiht, verleitet zu der Annahme, es zeige sich darin die „Welt wie sie wirklich ist“. „Warum gewinnt die Zeichnung gerade heute an Bedeutung?“, fragt Emma Dexter in ihrem einleitenden Essay zu Vitamin Z – Neue Perspektiven in der Zeichnung (Rezension S. 68), und findet zahlreiche Gründe: Die Nähe der Zeichnung zur Narration, zur Emotion, zum persönlichen Ausdruck, „ihre Neigung zum Populären und zur lokalen Tradition“, zur Romantik, zum Phantastischen, zum Verlust. „Das neu erwachte Interesse am Narrativen und ihre Nähe zum Literarischen haben die Rückkehr der Zeichnung beschleunigt“, stellt Dexter weiter fest. Das betrifft nicht nur die Bildproduktion, narrative Ansätze in Psychologie und Managementtheorie betonen seit einigen Jahren die Bedeutung der Erzählung für die Identität von Individuum und Unternehmen in einer unter dem Globalisierungsdruck immer stärker fragmentierenden Welt. In der Narration werden identitätsstiftende Beziehungen sichtbar, die aus dem bloßen Informationsgehalt eines Textes nicht hervorgehen. So kann die Rückkehr der Illustration als Teil eines allgemeinen Interesses am Narrativen gelesen werden.
Vor diesem Hintergrund erstaunt es auch nicht, wenn im Bereich des Dokumentarischen Arbeiten von Nora Krug (Interview, S. 18) oder Olivier Kugler (Die Welt zeichnen, S. 36) derzeit sehr gefragt sind, oder der erzählerische Reichtum von Katharina Gschwendtners Arbeiten (Die Wiederverzauberung der Welt, S. 46) selbst von einem Automobilmagazin genutzt wird. Ebensowenig wundert man sich über das Interesse des Museum of Modern Art für die autobiografischen Animationsfilme von Andreas Hykade (Interview, S. 82), oder dass die ARD den Trailer für ein Wissensmagazin(!) mit den romantisch-melancholischen Bildwelten von Lars Henkel (Uhrwerk Rotwild, S. 54) ausstattet. Illustration zeigt heute in der Narration eine Weltverständnis, das Zusammenhänge dort erkennbar macht, wo es selbst Ausdruck des Fragmentarischen ist.
Andreas Rauth